Schulpflichtig – 1 punkt 0 –

wird der Junior in diesem Jahr, er wird Anfang August 6 Jahre alt und müsste im September in die Schule.

Wir leben in Baden-Württemberg und ich sage es vornweg, das Wort Schule verursacht in mir mittlerweile Bauchschmerzen, Unverständnis und große Wut. Aufgrund vom Down Syndrom rutscht der Junior in die Schublade “ geistig behindert “ ( das ist er auch, aber die Konsequenzen dessen, sind es, was mich erschreckt und wütend macht )

Ich wusste, dass es nicht einfach wird, nach dem Kindergarten weiter Inklusion zu leben,

und ich habe die letzten Jahre einen wirklichen Respekt vor dem Thema aufgebaut, dass es aber so krass werden wird, habe ich mir nicht vorstellen können. In Deutschland sind die Schulgesetze leider Ländersache, d.h. jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen und Eltern, die individuelle Lösungen anstreben, sind nicht wirklich – zumindest in Baden-Württemberg, hier in unserer Stadt – gewünscht…..

Nach langer Überlegung und Beobachtung vom Junior, nach vielen Gesprächen mit den Menschen, die ihn nun schon länger begleiten, waren wir uns sicher, dass eine Rückstellung von der Schulpflicht für 1 Jahr dem Junior gut tun wird. Er kann seine Alltagskompetenzen steigern – z.Bsp. alleine Anziehen und ohne Windeln in die Schule gehen – wir haben noch ein Jahr Zeit, ihn in seiner Kommunikation zu unterstützen – die Reha wurde von der Rentenversicherung im ersten Anlauf genehmigt ❤ , der Junior und ich fahren im Sommer 4 Wochen nach Thalheim:

https://www.eubios.de/stationaere-reha/therapieangebot

Kurz, er kann sich in seinem gewohnten und sicherem Umfeld weiter entwickeln, weiter reifen….. natürlich wird er in diesem Jahr nicht den Rückstand zu gleichaltrigen Regelkindern aufholen, aber darum geht es ja gar nicht…. Hinzu kommt, dass es bei dem Träger vom Kindergarten möglich ist, dass er im Kindergarten bleibt…. in anderen Gemeinden müssen die Kinder in eine Grundschulförderklasse, das kommt allerdings gar nicht in Frage und hätte ja auch die Konsequenz, dass sich der Junior örtlich und menschlich komplett neu orientieren müsste und genau das würde erst mal dazu führen, dass er im Moment verharrt und nicht vorwärts geht….. er ist halt mein Sohn, wir beobachten neue Situationen erstmal ne Weile “ von aussen “ , bevor wir aktiv werden ( können )

Also suchten wir frühzeitig den Kontakt zur Direktorin der zuständigen Grundschule, denn egal, welcher Weg es wird, der Junior muss hier angemeldet werden. Schon im Telefonat für die Terminfindung, musste ich schlucken und habe dann auch deutlich die vorhandenen Schubladen geschlossen und deutlich gemacht, dass es uns wichtig ist, dass sie unseren Junior kennenlernt, damit sie eine individuelle Entscheidung treffen kann. Im Gespräch selber musste ich dann schon den Kopf schütteln:

1.Frage an den Junior: “ in welchen Kindergarten gehst Du “

Antwort Junior: “ zu L…. “ – seine Kindergarten Freundin ❤ ( ich finde die Antwort phänomenal, impliziert sie doch, dass der Junior vestanden hat, was gefragt wurde! )

sie: “ aha, das weißt Du also noch nicht “

2.Frage der Direktorin an UNS: “ Kann ER denn schon Farben zuordnen “

Antwort wir: “ fragen Sie ihn  doch “

sie stellt Buntstifte auf den Tisch und sagt zum Junior: “ gib mir mal….. blau, rot, gelb, grün…. “ Junior alles richtig gemacht und ihr dann noch von sich aus den schwarzen gegeben, inkl. der richtigen Gebärde und seinem Wort für schwarz…..

3.Frage an ihn: “ kannst Du Dich selber malen? “

Junior malt einen Apfelbaum und einen Ball und benannte beides ❤

Das reichte ihr dann, sie fragte, was wir von ihr denn wissen wollten, wir teilten ihr mit, dass wir die Rückstellung für den Junior möchten. Daraufhin erklärte sie uns dann mal ne gute Stunde lang, dass “ für DIESE Kinder keine Rückstellung vorgesehen ist “ ebenso die Grundschulförderklasse nicht in Frage kommt und sie gar nicht nachvollziehen kann, dass wir ihm die Fördermöglichkeiten, die ihm eine Förderschule für geistige Entwicklung bietet , “ nicht zukommen lassen wollen “ Dummerweise erwähnten wir, dass es hier gerade nicht um eine evtl. Schule für den Junior geht, sondern einzig um die Rückstellung, und so fing sie dann an, uns die Möglichkeiten zu benennen, die wir natürlich kennen 😉 und die ich dann auch aufzählte, um das Ganze abzukürzen:

  1. Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung mit sonderpädagogischen Bildungsplan
  2. Aussenklasse der Förderschule an einer definierten Grundschule nach sonderpädagogischem Bildungsplan
  3. Gruppeninklusion nach sonderpädagogischem Bildungsplan an einer beliebigen nicht frei wählbaren Grundschule im Stadtgebiet
  4. Einzelinklusion ist in Baden-Württemberg für Kinder mit einer geistigen Behinderung nicht erwünscht, sie vervollständigte: sie würden ja gern an der Schule Inklusion anbieten, aber es fehle an zusätzlichen Räumlichkeiten, den DIESE Kinder ja nunmal bräuchten, da sie doch oft den Unterricht für die anderen Kinder störten und oft ganz schön laut sind….. währenddessen saß der Junior still am Tisch und aß seine Banane, die er sich selber aus seinem Rucksack geholt hat und für das Öffnen der Schale sogar mit “ bitte “ Hilfe angefordert hat! 😉

Irgendwann machte ich deutlich, dass wir um die Rückstellung kämpfen werden, dass wir einfach nur wollen, dass der Junior wie jedes andere August / September geborene Kind individuell betrachtet wird, und dann in seinem Sinne entschieden wird, ob dem Junior eine Rückstellung etwas bringt oder nicht….. als dann wieder kam, dass für DIESE Kinder keine Rückstellung vorgesehen ist, sagte ich nur, dass in keinem Satz des Schulgesetzes steht, dass sie ausgeschlossen ist…. da schauten mich zwei Augen groß an und der Mund im selben Gesicht fragte mich, ob ich denn das Gesetz kennen würde? Als Antwort holte ich meine Lektüre zur damaligen Zeit aus der Tasche und legte sie auf den Tisch…. sie meinte dann nur, dass sie das ja gar nicht kenne, da sie ja auch keine Sonderpädagogin ist ……

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Nun fragte sie nochmal nach, wie wir den Rückstellungsantrag begründen und neben dem bereits erzählten, nannte ich dann noch die Schilddrüsenunterfunktion, den Vitamin D Mangel und die Zöliakie – jeweils verantwortlich für zusätzliche Entwicklungsstillstände beim Junior…. und auf einmal konnte sie sich drauf einlassen, dass wir zumindest mal Berichte von den Menschen rein reichen dürfen, die den Junior die letzten Jahre begleitet haben…. Zeit hätten wir dafür bis Mitte / Ende Januar 😛 – war ja erst der 18.12. und in Ba-Wü sind bis zum 06.01. Ferien!  ….. sie möchte aber gern noch eine schulärztliche Untersuchung beim Gesundheitsamt, um den sonderpädagogischen Förderbedarf feststellen zu lassen und den Junior testen zu lassen. Das konnte ich ihr dann doch schnell ausreden, natürlich hat der Junior einen Förderbedarf, aber ich lasse ihn doch nicht zurückstellen und gleichzeitig jetzt schon für die Schule testen…. den Test machen wir dann im nächsten Jahr, damit abschätzbar ist, wo die Stärken und Schwächen vom Junior liegen….

Anfang Januar kam vom Gesundheitsamt die Einladung für genau diesen Termin…. da habe ich kurzfristig gedacht, dass ich explodieren müsste…. also auch dort wieder angerufen und klar gemacht, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt keine Beratung benötige und ich den Junior nicht testen lasse….. nach ner halben Sunde kam dann sinngemäß: okee dann ist es so, sie vermerkt es und wenn die Direktorin auf das Gutachten besteht, dann müssen wir kurzfristig einen Termin vereinbaren, ansonsten sehen wir uns in einem Jahr!

Für mich war ja völlig unklar, warum ich mit dem Junior ins Amt geladen wurde und zu allen anderen Kindern mit einem Fragezeichen nach der ersten Schuluntersuchung, eine andere Doc nochmal in den Kindergarten kam…. die Antwort war: alle Eltern, bei deren Kindern sonderpädagogischer Förderbedarf vermutet wird, werden ins Amt eingeladen. Ich meinte dann nur, dass das absolut Sinn macht – NICHT! , haben doch diese Eltern meist eh einen gefüllteren Terminkalender aufgrund der Therapien der Kinder.

Nach dem Gespräch in der Schule begann der Marathon hier für mich, ich machte Termine für den Junior bei denen, die wir nicht regelmäßig aufsuchten, die Herausforderung überhaupt war, einen Termin im SPZ zu bekommen, obwohl ich den schon im August letzten Jahres per Email beantragt habe,  standen wir noch immer auf der Warteliste….. ich habe es geschafft und konnte letzte Woche alle Berichte ( KIA, SPZ – Ergo & Doc -, Kindergarten, Ikräfte, Ergo vor Ort ) und unsere ausführliche Begründung in der Schule abgeben.

Am Tag zuvor habe ich noch mit dem Direktor der Grundschule telefoniert, an der eine Außenklasse der Förderschule geistige Entwicklung angegliedert ist und dieser setzte der Formulierung “ für DIESE Kinder ….. “ noch eins / zwei / drei drauf:

  • wir machen zieldifferente Inklusion an unserer Schule mit gutem Gewissen nicht
  • wir lehnen die Einzelinklusion geistig behinderter Kinder an unserer Schule ab und das aus gutem Grund
  • alle Inklusionen, die zieldifferent laufen, gehen in die Hose
  • wir können Inklusion machen, wenn sie zielgleich ist, mit geistig behinderten klappt das nicht!
  • mit der Aussenklasse haben wir nix zu tun, ich stelle nur die Räumlichkeiten, selbst das Personal für DIESE Kinder stellt die Sonderschule
  • bei den Downies gibt es ja auch solche und solche Kotzendes Smiley - U+1F92EKotzendes Smiley - U+1F92EKotzendes Smiley - U+1F92E

Ich fragte ihn dann noch, was sie mit vermeintlichen Regelkindern machen, bei denen sie im ersten / zweiten Schuljahr feststellen, dass sie den Anforderungen nicht gewachsen sind…. er antwortete mir allen Ernstes, dass sie diese Kids dann auf die Schule für lernbehinderte Kinder “ ABSCHIEBEN “ und froh sind, wenn die Eltern zustimmen…. Nach dem Telefonat saß ich wie angewurzelt und erschlagen da und wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte….. wie kann ein Direktor, der im Rahmen einer Aussenklasse täglich mit geistig behinderten Kindern umgeht, sich so artikulieren? Diese Worte haben mein Mama Herz verletzt und ich bin so erschrocken, wie teilweise über den Junior gesprochen wird, obwohl er dabei ist Verärgertes Smiley - U+1F620Verärgertes Smiley - U+1F620Verärgertes Smiley - U+1F620

Nun hieß es abwarten und Zeit genug hatte ich, lagen doch beide Kids mit 40 Fieber zu Hause, aber eines ist gewiss, das war um einiges entspannter, als all die Diskussionen, die ja erstmal nur zum Thema Rückstellung geführt wurden / werden mussten….

kranke kids

Heute nun klingelte das Telefon und die Direktorin der zuständigen Grundschule war am Apparat, um mir mitzuteilen, dass sie die Rückstellung befürwortet, nachdem sie nochmal mit dem Kindergarten Rücksprache gehalten hat. Der schriftliche Bescheid dauert noch, der kommt erst, wenn alle Kinder durch die Termine sind. Aber sie wollte uns nicht so lange warten lassen, wie nett von ihr 😉 als ich auflegte, hatte ich Pipi in den Augen, wieder ein Kampf gewonnen, wieder neue Grenzen kennen gelernt und ich freue mich einfach richtig für den Junior, wohlwissend, dass es ab Herbst wieder stressig wird, wenn es heisst:

Schulpflichtig  –  2 punkt 0  –  …. und wir dann die richtige Schule für den Junior finden müssen!

 

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Schulpflichtig – 1 punkt 0 –

  1. Jana

    Hui, ist das krass – und widerlich!
    Manchmal fragt man/frau sich wirklich wann und wo wir eigentlich leben!?!
    Ich drücke Euch die Daumen und bewundere eure starken Nerven.
    Fühlt euch gedrückt!

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